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Mit MS Hilligenley gen Hallig Hooge

Die großen Ferien, die damals - anders als heutzutage - noch ungeschmälert über sechs Wochen gingen, verbrachten wir ebenfalls auf der Insel. Urlaub in der Saison? Undenkbar. Für die meisten Sylter galt Anwesenheitspflicht während der Sommermonate. Wenn nicht jetzt, wann sollte dann Geld verdient werden? Allenfalls Beamte konnten es sich auf Grund ihrer saisonunabhängigen Alimentation erlauben, ausgerechnet im Sommer auf Reisen zu gehen.

Wer Zimmer vermietete, musste Platz schaffen im eigenen Haus. Ab Ostern verloren wir Kinder unsere Zimmer und zogen bis zum Herbst entweder in den Keller, auf den Dachboden oder in den Hühnerstall. „Pssst, leise, die Gäste schlafen schon!" Diese scharf geflüsterte Warnung auf dem Weg zum saisonalen Ausweichquartier ist vielen Sylter Kindern für immer im Ohr. Später begriffen wir, dass unsere Eltern ihr grundsolide finanziertes Häuschen mit unseren Zimmern, viel Verzicht, noch mehr Eigenleistung und 90 Tagen Saison in nur einem Dutzend Jahren schuldenfrei gemacht hatten.

Einmal im Sommer besuchten wir mit unseren Eltern das Westerländer Eiscafé „Florida" in der oberen Strandstraße. Dort gab es das leckerste Eis. Obwohl „geführte Ausgänge" eher zu den unbeliebten Pflichten zählten, gehörten die drei Kugeln gemischtes Eis im „Florida" doch eindeutig zu den sommerlichen Höhepunkten unserer Kindertage. Ansonsten waren wir frei und ungebunden, aller Pflichten ledig, so lange wir nicht zu Hause lästig fielen. Also machten wir uns aus dem Staub.

Nur ausgewählte Stamm-Fahrgäste durften beim Drehen der Inselbahn behilflich sein

Selbst als unser Großvater als Lokführer der Inselbahn schon längst pensioniert war, und nur noch seinen sandigen Kleingarten gegenüber dem Hörnumer Bahnhof bewirtschaftete, pendelten wir noch jahrelang zum Nulltarif zwischen List und Hörnum. Das war kein Problem. Seine alten Kollegen kannten uns schließlich.

Und wir unternahmen durch häufige Fahrten, was in unseren Kräften stand, diese Bekanntschaft in Erinnerung zu halten. In List und Hörnum wurden die Züge auf einer Drehscheibe vom Lokomotivführer und seinem Schaffner gewendet. Nur ausgewählte Stamm-Passagiere durften dabei behilflich sein.

Wie das „Florida", so zählte auch der allsommerliche Ausflug mit der „Hilligenley" zu den herausragenden Ereignissen unserer Sommerferien. In der Obhut von Oma und Tante ging es nebst Cousin im Hörnumer Hafen an Bord des Ausflugsdampfers. Feriengäste bevölkerten das Schiff bis auf den letzten Platz.

Ein Ausflug mit der „Hilligenley" gehörte
zu den herausragenden Sommer-Ereignissen.

Schließlich verkündete die Werbetafel am Kai, die Fahrt führe vorbei an Seehundsbänken im Wattenmeer. Nun hatten wir Sylter Kinder zwar Seehunde schon in Herden gesehen und auch im Westerländer Aquarium (dort steht heute die „Sylter Welle") mit Heringen gefüttert, aber eine Seefahrt mit Proviant aus Omas Tragetasche war auch für uns schon noch etwas Besonderes. Wenn ich mich recht erinnere, steuerte die „Hilligenley" auf ihrer Tour auch die Hallig Hooge an. Dort hätten wir aussteigen und einen Landgang unternehmen können. Haben wir aber nie gemacht.

Urlaub von ihrer Ferieninsel machten Sylter, wenn überhaupt, in den Herbstferien. Wer Geld hatte, für den kam Teneriffa Mitte der 60er-Jahre groß in Mode. In ihrer Mehrheit steuerten Sylter jedoch erdgebundene Ziele an, mit 40 PS im Opel Kadett A. Also musste die Fahrt in den Süden für eine Zwischenübernachtung unterbrochen werden. Autobahnabfahrt Hersfeld/Aua. In Kärnten wärmt auch im Herbst noch die Sonne. Drei Wochen sollte der Urlaub von der Insel schon dauern, immerhin gingen für An- und Abreise mindestens vier Tage drauf. Wir Schüler fehlten deshalb meistens in der letzten Woche vor den Herbstferien. So lange, bis das auch in Kiel auffiel. Irgendwann in den 7oer-Jahren hatte das Kultusministerium ein Einsehen. Für die nordfriesischen Inseln wurden die Sommerferien wurden um eine auf noch fünf Wochen verkürzt und die Herbstferien auf drei Wochen verlängert. Damit hatten es die Sylter geschafft, ein wirklich dickes Brett zu bohren. Am Sylt-eigenen Autokennzeichen schrauben sie allerdings noch heute.